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Freie Software • 25. August 2021

Worum geht's bei freier Software?

Freie Software – oft synonym mit Open-Source-Software verwendet – zeichnet sich dadurch aus, dass der Quelltext öffentlich, frei zugänglich und veränderbar ist. Im Gegensatz zur Open-Source-Bewegung, die den pragmatischen Ansatz der offenen Softwarenutzung betont, stellt die Philosophie der freien Software die grundsätzlichen Freiheiten der Nutzerinnen und Nutzer in den Mittelpunkt.

Eine deutliche Abgrenzung gibt es zur proprietären Software: Nicht nur bezüglich der Freiheit der Nutzung, sondern auch in Bezug auf die damit verbundenen Kosten.

Um die Unterschiede zwischen proprietärer und freier Software zu verdeutlichen, hier ein Beispiel aus dem Alltagsleben.

Vergleich zu einer anderen Anschaffung

Nachdem der 12 Jahre alte Citroen meiner Frau von Zeit und Rost in die Knie gezwungen wurde, hat sie sich vor einigen Wochen ein neues Auto gekauft. Wir haben uns nach längerer Suche für einen Skoda Fabia mit rund 20.000 km Laufleistung entschieden, für den der Händler den unserer Meinung nach fairen Betrag von 6.500 Euro aufgerufen hatte.

Dieser verhältnismäßig günstige Preis war allerdings an einige Nutzungsbedingungen gebunden, die leider nicht verhandelbar waren, da ihm - so der Händler - die Hände gebunden seien.

Einschränkungen beim Kauf

Grundsätzlich durfte der Wagen nur von einer Benutzerin oder einem Benutzer, dem sogenannten "Named User", verwendet werden. Die maximale Kofferraumbeladung wurde auf 100 kg beschränkt, obwohl das Fahrzeug über eine deutlich höhere Zuladung verfügt. Zudem begrenzte der Händler die maximal erlaubte Geschwindigkeit auf 70 km/h und ließ lediglich die Nutzung von Gemeinde- und Kreisstraßen zu. Da das Auto ohnehin nur zwischen 9:00 und 17:00 Uhr verwendet werden durfte, spielte das allerdings keine Rolle. Fernreisen mit mehreren Personen waren mit diesen Nutzungsbedingungen auch nicht möglich.

Der Basispreis von 6.500 Euro war natürlich verlockend. Allerdings sahen wir uns doch gezwungen, einige Pakete hinzuzubuchen, um meiner Frau eine vollumfängliche Nutzung des Autos zu gewährleisten. Für einen nicht mehr so attraktiven Gesamtpreis von 16.700 Euro erweiterten wir die Nutzungsbedingungen mit einigen Optionen zur unbegrenzten Verwendung im Rahmen der Vorgaben der Straßenverkehrsordnung. Die Preisstaffelung ist Tabelle 1 zu entnehmen.

Fairerweise sei noch ergänzt, dass der Händler die Option "Beleuchtung bei Dunkelheit" kostenfrei hinzugefügt hat, wofür wir ihm sehr dankbar sind. Auf jeden Fall steht nun ein neues, zuverlässiges Auto vor der Tür, das zwar etwas teurer war als geplant, aber alle Bedingungen erfüllt, die sie an einen fahrbaren Untersatz stellt.

Anschaffung PKW versus Software - Was bestimmt die Lizenzkosten der Software?

Der ein oder andere Lesende mag der Schilderung nicht ganz glauben.Vielleicht wird auch gerade überlegt, was das ganze mit Software oder gar freier Software zu tun hat. Zugegeben, es mag ein wenig überzogen, vielleicht sogar geflunkert, sein. Zu meiner Verteidigung sei aber gesagt: Die Geschichte soll lediglich greifbar machen, wonach sich die Lizenzkosten von Software oft richten.

Entgegen der weit verbreiteten Behauptung, der Preis von Software-Lizenzen richte sich in erster Linie nach dem bestellten Funktionsumfang, der Qualität oder dem Nutzen des erworbenen Programms, haben oft andere externe Faktoren einen Einfluss auf die entstehenden Kosten.

Ich spreche hier ganz bewusst von externen Faktoren, also Bedingungen, auf die weder der Hersteller allgemein noch die Software konkret Einfluss haben.

Oft ist es so, dass Art und Umfang der Verwendung oder die eingesetzte Hardware die Lizenz-Kosten in die Höhe treiben. Besonders deutlich wird es, wenn ich mit meiner Lösung an Performance-Grenzen stoße, beispielsweise durch mehr Nutzer:innen oder mehr Daten. Schnell wird der Ruf nach Aufstockung laut und ich erweitere meine Infrastruktur um weitere Server mit mehr Prozessoren, um den wachsenden Zugriffen gerecht zu werden.

Kaum habe ich das getan, halten Menschen die Hand auf, die nichts, wirklich gar nichts mit dem Erfolg meines Systems zu tun haben. Denn nicht die Datenbank, der Kartenserver oder irgendeine andere Komponente im Hintergrund sind der Grund für den Erfolg, sondern einzig und allein diejenigen, die mein System erdacht, konzipiert und umgesetzt haben.

Und hier sind wir ganz schnell wieder bei meinem Beispiel: Das Auto kostet immer das selbe, egal ob ich alleine durch die Stadt oder mit der ganzen Familie über die Autobahn fahre. Ich muss noch nicht mal was nachzahlen, wenn ich mein Auto tune oder irgendeinen Performance-Sprit tanke.

"Augenblick mal, der Vergleich hinkt." höre ich da die Lizenzverkäufer:innen rufen, "Wenn man mehrere Computer betreibt, dann verwendet man ja auch mehrere Instanzen der Software. Dann muss man ja auch mehr bezahlen."

Da bin ich anderer Meinung, denn die zugrunde liegende Software tut eigentlich immer noch das gleiche: Ein Programm betreiben, egal ob ich entscheide, es auf einen oder auf 10 Rechner zu verteilen. Statt mir die Taschen leer zu räumen, sollte der Hersteller sich in solchen Fällen in sein Kämmerlein zurückzuziehen und nachschauen, warum sein Produkt Probleme bekommt. Stattdessen bestraft er mich dafür, dass ich eine wenig performante Software durch mehr Prozessoren schnell machen muss.

Was zeichnet freie Software aus?

Aber kommen wir zurück zur freien Software: Wie sieht die Auto-Rechnung in der Realität aus?

Tabelle 2 zeigt, dass sowohl dem Hersteller als auch dem Händler die Faktoren wie Nutzer, Geschwindigkeit, Beladung oder Straßen natürlich herzlich egal sind. Wie bei allem außer Software gewährt mir der Hersteller alle Freiheiten in der Verwendung des Produktes, sobald ich es bezahlt habe. Nur kopieren und als Plagiat vertreiben darf ich es nicht, was man ja auch verstehen kann.

Genau hier setzt freie Software an. Bei der Freiheit wohlgemerkt, nicht beim Preis. Freie Software räumt dem Nutzer und der Nutzerin die sogenannten Freiheiten 0 bis 3 ein, also das Recht, das Programm zu nutzen, zu studieren, weiterzugeben und zu verändern. Grundlage dafür ist natürlich der Zugang zum Quellcode [Quelle: https://www.gnu.org/philosophy/free-sw.de.html].

Bei freier Software geht es also um Transparenz, Flexibilität und Nutzbarkeit. Und weil die wenigsten Anwender:innen die Software untersuchen, anpassen oder weitergeben möchten, ist es die Nutzbarkeit, die ich in den Vordergrund rücken möchte.

Freie Software kann ich so nutzen, wie ich es möchte. Egal wann, wo und wie ich es will. Egal wieviele Nutzer:innen, Daten, Prozessoren oder Server. Das ist die Freiheit in freier Software. Das ist allerdings auch der Unterschied zu kostenfreier Software, womit wir zu den Fragezeichen in Tabelle 2 kommen.

Unterschiede zwischen kostenfreier, lizenzkostenfreier und freier Software

Vielleicht haben sich aufmerksame Leserinnen und Leser schon gefragt, was die Fragezeichen in der Tabelle bedeuten und warum das Auto überhaupt etwas kostet, wo es doch frei ist. An dieser Stelle sei auf den Unterschied zwischen kostenfreier, lizenzkostenfreier und freier Software hingewiesen, drei Begriffe, die oft miteinander verwechselt werden.

Eine „kostenfreie Software“ ist jedes Programm, für das ich nichts bezahlen muss, wenn ich es nutze oder erwerbe. Dazu gehören auch die meisten Handy-Apps, Suchmaschinen oder soziale Medien. Studieren, verändern oder verteilen kann ich sie nicht, den Quellcode bekomme ich auch nicht. In den meisten Fällen weiß ich noch nicht mal, was die Software macht oder ob ich nicht irgendwie doch bezahle – z. B. mit meinen persönlichen Daten.

Mit „lizenzkostenfreier Software“ komme ich der Sache mit der Freiheit schon näher. Von diesem Programm kann ich offensichtlich kostenfreie Lizenzen beziehen und installieren, ich muss mir also über die Anzahl meiner Server keine Gedanken machen - so weit, so gut. Ob ich die Software studieren, verändern oder verteilen kann oder gar den Quellcode erhalte, steht auf einem anderen Blatt. Viele Programme sind auch nur für spezielle Gruppen – beispielsweise Schüler:innen oder Studierende - oder eingeschränkte Nutzungen – z. B. nicht kommerziell – lizenzkostenfrei. Wie dem auch sei, Art und Umfang der eingeräumten Freiheiten werden auch in diesem Fall vom Hersteller definiert und können jederzeit verändert werden.

Haben Sie sich schon mal gefragt, warum man bei kostenfreier und lizenzkostenfreier Software immer seitenweise Lizenztext abnicken muss? Es ist doch eigentlich komisch, dass sich u. a. die Rechtsabteilung eines Weltkonzerns so viel Mühe macht für ein Stück Software, das sie mir schenken will. Interessanterweise sind das auch keine Auflistungen von Freiheiten, sondern irgendwie eher das Gegenteil. 

„Freie Software“ hingegen räumt mir unwiderruflich die vier oben genannten Freiheiten zweckfreier Nutzung, Anpassbarkeit, Weitergabemöglichkeit und Veränderbarkeit ein. Um dieses sicherzustellen, muss auf eine geeignete Lizenz geachtet werden, die gewährleistet, dass aus freier Software nicht irgendwann etwas anderes wird.

Lizenzen für freie Software

An dieser Stelle detailliert auf freie Softwarelizenzen einzugehen, würde bei weitem den Rahmen sprengen. Den interessierten Leserinnen und Lesern sei daher die Webseite der Free Software Foundation zum Selbststudium empfohlen.

Als ein Beispiel sei meine Lieblingslizenz, die MIT-Lizenz, erwähnt. Sie besteht nur aus einem Urheberrechtshinweis und zwei Absätzen, die "Macht was ihr wollt, wir sind nicht Schuld." sprachlich etwas besser ausdrücken. Sie und alle anderen freien Lizenzen stellen sicher, dass aller Code, der bis zum jetzigen Zeitpunkt geschrieben wurde, immer als freie Software veröffentlicht werden muss. Das gilt auch, wenn entschieden wird, in eine proprietäre Lizenz zu wechseln. Die neue Lizenz gilt nur für Code, der nach dem Lizenzwechsel veröffentlicht wurde. Ich als Nutzer kann also sichergehen, dass die eingesetzte Software frei bleibt, egal was zukünftig entschieden wird.

Beispiel für einen Lizenzwechsel

Praktischerweise finden wir im Geo-IT-Umfeld dafür ein sehr aktuelles Beispiel. Die US-amerikanische Firma Mapbox hat sich Ende 2020 dafür entschieden, ihren bis dahin unter der 3-Klausel-BSD-Lizenz als freie Software veröffentlichten Kartenclient mapbox-gl-js zukünftig als proprietäre Software zu vertreiben. Unmittelbar nach Bekanntgabe des Vorhabens fand sich eine weltweite Community zusammen und forkte den bis dahin auf Github veröffentlichte Code in ein neues Software-Projekt. Innerhalb weniger Stunden war MapLibre geboren, inklusive freier Software-Lizenz, Mailingliste und Steering Committee. Maplibre-gl-js wird seitdem unter der BSD-Lizenz veröffentlicht.

Können für den Einsatz von Open-Source-Software Kosten entstehen?

Was freie Software nicht verspricht, ist Kostenfreiheit. Freie Software kann durchaus etwas kosten, sei es für die Anschaffung oder für den Betrieb, die Wartung oder Support. Nur an den vier Freiheiten darf man eben nicht rütteln.

Und die Software kopieren und als Plagiat vertreiben darf man auch nicht. Dafür stellen die Lizenzen üblicherweise sicher, dass bei der Veränderung des Programms, auch beim Kopieren oder Überführen in eine andere Software, die Urheberrechtshinweise übernommen werden müssen. Man muss zwar nichts bezahlen, einfach klauen geht aber auch nicht.

Worum geht's also bei freier Software?

Meiner Meinung nach geht es einzig und allein um die Freiheit, die Software zu nutzen, wie, wann und wo ich es will. Alle anderen Freiheiten und alle Lizenzen dienen nur diesem einen Ziel.

So, genug geredet, ich muss los. Ich soll meiner Frau helfen, ihr Auto mit Pril-Blumen zu bekleben. Eine Situation, in der ich gerne die Freiheit 3 (das Recht auf Veränderung) außer Kraft setzen würde. Geht aber nicht, ist halt frei…

 

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Olaf Knopp

Olaf Knopp ist Diplom-Geograph und seit mehr als 20 Jahren als GIS-Spezialist tätig. Früh entdeckte er die Möglichkeiten und das Potential freier Software, 2002 machte er sich mit seiner ersten GIS-Firma selbstständig. Neben seiner Tätigkeit als technischer Geschäftsführer der WhereGroup ist er im Vorstand des QGIS-DE e.V. sowie im Geo-Mentoring der Stadt Bonn engagiert.

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