Community • 05. Januar 2026

Strategische Beschaffung in Europa muss auf Freie Software setzen

Verwaltungen in Deutschland und ganz Europa sind in hohem Maße von proprietären Softwareanbietern abhängig, oft solche aus nichteuropäischen Ländern. Allein in Deutschland werden für Software des US-Konzerns Oracle knapp 4,7 Mrd. Euro in einem einzigen Rahmenvertrag für sieben Jahre aufgewendet. Der US-Konzern Microsoft erhält über zwei Rahmenverträge 1,3 Mrd. Euro [1] [2]. Diese Zahlen stehen beispielhaft für tiefgreifende Abhängigkeiten, die im nächsten Jahrzehnt weiter zementiert werden, falls der Staat nicht strategisch gegensteuert. Die Abhängigkeit von einzelnen proprietären Anbietern verhindert staatliche Souveränität im Bereich digitaler Infrastrukturen. Proprietäre Software ermöglicht keine Kontrolle über die Systeme im Kern unserer digitalen Infrastruktur. Ohne den Hersteller ist es unmöglich, Änderungen an der Software vorzunehmen. Gerade bei Sicherheitsvorfällen oder einem Konkurs des Herstellers wird dies zu einem kritischen Problem, einhergehend mit einer Unterminierung des Vertrauens in die staatliche Handlungsfähigkeit im Digitalbereich. Aber auch im Alltag öffentlicher Verwaltungen erweist sich proprietäre Software als Hemmnis, da sie nicht den eigenen Bedarfen entsprechend angepasst werden kann. So entspricht die Software vor allem den wirtschaftlichen Bedürfnissen des Herstellers, der ggf. ganz andere Märkte im Blick hat, und nicht den strategischen Zielen der Politik und den technischen Anforderungen im öffentlichen Sektor.

Regierungen und Verwaltungen tragen Untersuchungen zufolge mit bis zu 27 % zum Umsatz von Softwareherstellern bei. Dieser Umsatz wird jedoch vorwiegend durch proprietäre Software von großen Technologieunternehmen außerhalb Europas generiert. Europäische Unternehmen, die auf Freie Software setzen, können hier einen entscheidenden Unterschied machen und mehr Eigenständigkeit ermöglichen, kommen aber mangels strategischer Beschaffung nicht ausreichend zum Zuge.

Um proprietären Lock-In-Effekten der öffentlichen Verwaltung durch Freie Software erfolgreich begegnen zu können, braucht es ein Grundverständnis für die Möglichkeiten und Besonderheiten Freier Software. Die vier Freiheiten, die Software für jeden Zweck verwenden zu können, den Code zu verstehen und untersuchen zu können, die Software verändern und sie nach Belieben weitergeben zu können, sind grundsätzlich durch jede Freie-Software-Lizenz garantiert. Stehen diese Freiheiten und Rechte nicht zur Verfügung, handelt es sich um proprietäre Software. Anders als bei proprietärer Software muss also kein öffentliches Geld für Nutzungslizenzen aufgewendet werden, sondern die öffentliche Verwaltung schreibt Entwicklung, Wartung, Betrieb und Support aus oder ist in einem oder mehreren dieser Bereiche selbst aktiv.

Digitale Souveränität bedeutet, Technologien eigenständig, unabhängig und sicher einzusetzen. Freie Software ist zentral, um Selbstbestimmung, Transparenz und Handlungsfähigkeit langfristig sicherzustellen. Sämtliche Ressourcen können selbst beschafft und neue Anforderungen schnell erfüllt werden.

Viele der dargestellten Vorteile lassen sich nutzen und die meisten der angesprochenen Herausforderungen lassen sich lösen, wenn künftig anders beschafft wird – strategisch mit dem Ziel, digitale Souveränität durch Freie Software zu befördern. Das Prinzip „Public Money? Public Code!“ ist dabei als Leitlinie zu verankern: Mit öffentlichen Geldern beschaffter Code muss unter einer Freie-Software-Lizenz zur Verfügung gestellt werden. Statt sich immer weiter in die Abhängigkeit gegenüber einzelnen Anbietern zu begeben, gilt es, Software zu beschaffen, die den Bedürfnissen der öffentlichen Verwaltung entsprechend angepasst werden kann und welche die vollständige Kontrolle digitaler Infrastrukturen ermöglicht – auch langfristig.

Kollaborationen können grenzüberschreitend für den Aufbau digital souveräner Technologien genutzt werden und mittel- bis langfristig Kosten sparen. Freie Software orientiert sich an den Nutzenden – statt proprietäre Software voller unnötiger Zusätze zu beschaffen, welche im Einsatz durch die öffentliche Verwaltung gar nicht gebraucht werden, kann durch die Beschaffung Freier Software den eigenen Bedürfnissen und Ansprüchen zielgenau entsprochen werden.

Strategisch beschaffen: Freie Software für Europa

Die EU plant für 2026 einen Reformvorschlag des Beschaffungswesens. Dabei soll strategische Beschaffung eine bedeutende Rolle spielen. Wie genau diese „strategische“ Beschaffung definiert wird, ist zurzeit noch offen. Derzeitig läuft eine Konsultation, bei der man Feedback geben kann, um den Gesetzesvorschlag entsprechend auszurichten [3].

Bei der Reform des Beschaffungswesens wird es darum gehen, Prozesse und Regulierungen so aufeinander abzustimmen, dass sie tatsächlich Interoperabilität über offene Standards und Schnittstellen ermöglichen und dem Ökosystem Freie Software nicht schaden. Sichere, innovative Technik entsteht durch Kollaboration und Kooperation.

Es braucht ein Rollenverständnis der Verwaltung, dass die eigenen Nutzenden im Blick hat und Beschaffungen nutzt, um Abhängigkeiten schrittweise aufzulösen. Vorhandene finanzielle Mittel müssen gezielt in Freie Software gelenkt werden, damit sie einen nachhaltigen Effekt für Innovation, für den IT-Standort Europa, aber auch für die ganze Gesellschaft haben. Darüber hinaus sollten Migrationspläne hin zu Freier Software unter strategischen Gesichtspunkten erstellt sowie Alternativen aufgebaut und ausgerollt werden. Statt ständig das Rad neu zu erfinden und Budgets in die Zementierung der Abhängigkeiten zu lenken, müssen diese aufgelöst werden und konsequent in Freie Software gelenkt werden, um digitale Souveränität zu ermöglichen.

Nicht zuletzt stärkt und verbessert der Aufbau von Alternativen die Verhandlungsposition öffentlicher Verwaltungen im Beschaffungsprozess – auch gegenüber großen Unternehmen, die bisher eine beherrschende Marktstellung innehatten und diese zur Preisbildung nach ihren Vorstellungen genutzt haben.

Alexander Sander

Ein Gastbeitrag von Alexander Sander (Free Software Foudation Europe - fsfe)

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