Community • 12. Februar 2026

Digitale Souveränität wirksam umgesetzt mit den Sovereign Cloud Stack Standards

Immer wieder heißt es, dass digitale Souveränität ein unscharfer Begriff sei, der weder klar definiert noch praktisch umsetzbar ist. Doch dieses Argument greift zu kurz. Zahlreiche Institutionen bieten mittlerweile präzise, kohärente Definitionen, von der öffentlichen Verwaltung bis hin zu Open-Source-Initiativen – darunter Sovereign Cloud Stack (SCS), eine Initiative der Open Source Business Alliance (OSBA). Das SCS-Projekt zeigt, dass digitale Souveränität nicht nur ein Schlagwort, sondern durch konkrete Standards tatsächlich realisierbar ist.

 

Was ist digitale Souveränität?

Der IT-Planungsrat definiert digitale Souveränität als „die Fähigkeiten und Möglichkeiten von Individuen und Institutionen, ihre Rolle(n) in der digitalen Welt selbstständig, selbstbestimmt und sicher ausüben zu können“. Trotz klarer Definitionen wird der Begriff jedoch mitunter beliebig umgedeutet – Stichwort „Souveränitäts-Washing“. Das Zentrum für Digitale Souveränität (ZenDiS) hat mit einem Whitepaper auf diesen Trend reagiert und Hilfestellungen zur Enttarnung bereitgestellt.

 

Das Sovereign Cloud Stack (SCS) Projekt – Ein europäisches Cloud-Ökosystem

Das SCS-Projekt ist eine europäische Initiative, die ein offenes, transparentes und anbieterneutrales Cloud-Ökosystem schafft. Im Mittelpunkt stehen drei Kernelemente:

1. Entscheidungsfreiheit durch offene Standards und Interoperabilität
2. Gestaltungsmöglichkeit durch technologische Souveränität
3. Aufbau technologischer Kompetenz

1. Entscheidungsfreiheit Interoperabilität

Offene Standards sind das Rückgrat für echte Interoperabilität. Gerade im Cloud-Bereich besteht oft die Gefahr, dass Hersteller offene Protokolle durch proprietäre Ergänzungen limitieren und so einen Lock-In-Effekt erzeugen.

Im Cloud-Umfeld, gerade im Hinblick auf die Hyperscaler, sind standardisierte Schnittstellen nicht anzutreffen – im besten Fall noch, dass man mit etwas REST-ähnlichem spricht. Wer sich schon einmal Libcloud, vergleichbare Software-Bibliotheken anderer Programmiersprachen oder auch das OpenStack Client SDK angesehen hat, weiß, was für ein Spagat notwendig ist, um verschiedene Cloud-Provider hinter einer programmatischen API zu abstrahieren.

Ein signifikantes Ergebnis aus SCS sind zertifizierbare Standards für den Betrieb von Cloud-Infrastruktur. An dieser Stelle sei ein (selbst-)ironischer Blick zum Thema Standardisierung als XKCD erlaubt - Hier wird zur Vereinheitlichung zunächst noch ein weiter Standard geschaffen. ;-)

Das SCS-Projekt entwickelt zertifizierbare Standards für verschiedene Teile einer Cloud-Architektur:

  • Infrastructure-as-a-Service (IaaS)
  • Kubernetes-as-a-Service (KaaS)
  • Identity Access Management (IAM)
  • Operations

Mit diesen Standards werden Clouds für Nutzende vergleichbar und erwartbar – etwa wie eine Anleitung beim Bauen mit Lego-Steinen: Die Standards/Anleitungen sorgen für reproduzierbare, austauschbare Ergebnisse.

Praxisnutzen von offenen Standards und Interoperabilität:

  • Keine technische Bindung an einen Anbieter (kein Lock-In)
  • Wechsel zwischen Cloud-Providern wird zu einem Standardprozess
  • Einfache Integration und Föderation unterschiedlicher Cloud-Plattformen

2. Gestaltungsmöglichkeit durch technologische Souveränität

Technologische Souveränität bedeutet, dass Plattformsoftware unabhängig und nach selbstbestimmten Kriterien und Anforderungen beschafft und entwickelt werden kann und anpassbar bleibt (siehe auch Magazin für Datenschutz und Datensicherheit).

Open Source spielt dabei eine zentrale Rolle. Sie ermöglicht nicht nur die Kontrolle über Features, sondern verhindert Abhängigkeiten und Fremdbestimmung.

Ein Beispiel: Cloud-Repatriation.
Zunächst ist der Umzug zur Cloud einfach und günstig. Mit steigendem Bedarf stellt sich jedoch heraus, dass der Eigenbetrieb oder der Wechsel zu einem anderen Provider wirtschaftlicher wäre. Proprietäre Clouds machen solche Strategiewechsel kostenintensiv – offene, SCS-konforme Clouds hingegen erleichtern den Wechsel erheblich.

Kernbotschaft der OSBA: Open Source ist die Grundlage für digitale Souveränität, weil sie Systeme überprüfbar, gestaltbar und ersetzbar macht.

3. Aufbau technologischer Kompetenz mit Open Source

Komplexe digitale Infrastrukturen erfordern tiefes technisches Wissen. SCS unterstützt nicht nur die Entscheidungs- und Gestaltungsfreiheit, sondern fördert vor allem auch den Aufbau des nötigen Know-hows. Die Open Source Gemeinschaft lebt von Transparenz und Zusammenarbeit. Offene Zusammenarbeit ist die Basis von Open-Source-Communities. Die OpenInfra Foundation definiert die „Four Opens“, mit denen dort Open Source untermauert wird:

  • Open Source
  • Open Design
  • Open Development
  • Open Community

Im Kontext der technologischen Kompetenz rund um das Betriebswissen von Cloud-Umgebungen hat das SCS ein fünftes „Open“ ergänzt:

  • Open Operations – das gemeinsame Schaffen von Betriebswissen in einer offenen Community mit einer transparenten Fehlerkultur – für ein Mehr an technologischer Kompetenz

 

Die rechtliche Dimension als grundlegende Basis

SCS verweist ausdrücklich auf bestehende rechtliche Rahmen, wie die DSGVO sowie auf Organisationen wie die ENISA. Die Entwicklungen im Markt zeigen jedoch, dass Rechtssicherheit und Compliance in der Cloud weiterhin ein dynamischer Prozess bleiben.

Aktuelle Diskussionen zum Thema finden Sie hier.

 

Zertifizierbare Standards beim SCS

Die SCS-Standards werden in einem offenen Prozess kontinuierlich weiterentwickelt. Sie sind in unterschiedlichen Stufen auf der offiziellen Website des SCS einsehbar und adressieren die Kernaspekte von digitaler Souveränität und Interoperabilität. Sie werden laufend von der Community weiterentwickelt und regelmäßig in Webinaren vorgestellt.

 

Fazit

Digitale Souveränität wirksam umzusetzen bedeutet, eine klare Definition nicht nur zu zitieren, sondern sie in konkrete Strukturen zu überführen. Die im Beitrag beschriebenen Dimensionen – Entscheidungsfreiheit durch Interoperabilität, Gestaltungsmöglichkeiten durch technologische Handlungsfähigkeit, der Zugang zu technologischer Kompetenz sowie die rechtliche Dimension als Basis – bilden dafür den notwendigen Rahmen. Im SCS-Projekt werden diese Dimensionen systematisch zusammengeführt und in konsistente Anforderungen übersetzt. Die daraus abgeleiteten, zertifizierbaren Standards machen digitale Souveränität damit nicht nur beschreibbar, sondern praktisch umsetzbar, überprüfbar und vergleichbar.

 

Ausblick

Mit dem „Cloud Sovereignty Framework“ der EU-Kommission existiert mittlerweile eine Bewertungsgrundlage, anhand derer Cloud-Angebote auf ihre Souveränität geprüft werden können. Das SCS-Projekt steht in engem Austausch mit der Europäischen Ebene und kommentiert diese Entwicklungen aktiv. Die nächsten Jahre versprechen spannende Impulse für die digitale Souveränität in Deutschland und Europa – mit SCS als Leuchtturmprojekt und Wegbereiter.

Felix Kronlage-Dammers

Felix Kronlage-Dammers leitet das Forum SCS-Standards und ist Projektleiter im ECO:DIGIT Projekt der OSBA. Er ist seit über 20 Jahren als Entwickler an Open-Source-Softwareprojekten beteiligt und im erweiterten Vorstand der Open Source Business Alliance (OSBA).

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